RÜCKBLICK

Bochums 17tägiges Schrift-Mekka


DIE MAGIE DER SCHRIFT hat vom 4. bis 20. Mai 2018 die industriedenkmalgeschützte
Halle des Friedlichen Nachbars in Bochum belebt mit Ausstellung, Vorführungen, Experimentiertischen, SchriftKINO, Kunsthandwerkermarkt, Cafè Lettera, Schul- und
Privat-Workshops. Eine Retrospektive…

 

Es war schon gewagt in solchen Dimensionen zu träumen. Aber die Vision, eine große, hohe und lichtdurchflutete Halle mit Schriftmagie zu füllen ist aufgegangen! Es ist uns tatsächlich gelungen, die Vielfalt, Bandbreite und –höhe (bis zu 7 m lange Fahnen) wieder zu geben.
21 Künstler, Professionelle, Hobby-Kalligrafen und Laien haben sich in ihrer Einzigartigkeit gezeigt. Besonders Letztere hat es viel Mut gekostet, sich in die Reihen der Schrifterfahrenen einzureihen. Ihnen gilt mein größter Respekt – noch vor dem technischen oder ausdrucksstarken Können derer, die wie ich lange Jahre mit Schrift arbeiten. Unser Credo „Jeder kann Schrift – aber jeder anders!“ ist die Aufforderung, sich mit seiner Schrift und seinem Stand zu zeigen, zu dem zu stehen, was man Handschrift oder Kalligrafie nennt und sich über das Geschenk der Schrift zu freuen!

Am Vorführungstisch haben wir in regelmäßigen Abständen selbstgemachte und kommerzielle Schreibwerkzeuge vorgeführt und erklärt. Besonders beliebt waren der Cola-Pen, die Spontan-Aquarelltechnik und der Klecksomat. Schreiben hat Magie! Und das konnten wir live miterleben. Unser Experimentiertisch mit 12 Plätzen war beliebt wie kein anderer Ort im Raum! Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben sich im Schnitt bis zu 2 – 3 Stunden in der Ausstellung verlustiert. Einige sind den ganzen Nachmittag geblieben! Wer ein Bild für die Ausstellung zurückgelassen hat, konnte mit etwas Glück einen der hochwertigen Preise unserer Sponsoren gewinnen derer waren: Lukas Nerchau, Schmincke, Hahnemühle, Pilot Pen, Staedtler, Montana Cans, Online Schreibgeräte, Kaweco, DaVinci, Rössler Papiere. Durch ihre großzügige Unterstützung waren die Experimentier- und Workshoptische bis zum Schluss reich gedeckt an hochwertigen Materialien.

Unter der Woche fanden morgens vor der Ausstellungsöffnung die sogenannten „soundWORDshops“ statt. Sieben Schulklassen der Jahrgangsstufen 6 – 11 aus Bochum und Hattingen erlebten Freiheit, Ausdruck und echte Kreativität in der Gestaltung ihres persönlichen Sound-Booklets, zu welchem sie den gewählten Lieblingssong via Ohrstöpsel hören konnten. Immer wieder schön zu beobachten: Sobald wir eingangs erwähnten, dass es nicht darum geht, schön oder lesbar zu schreiben sondern authentisch, ausdrucksstark und dem Lied-Inhalt entsprechend, entspannten sich die Schüler reihum!

Expressive Schrift ist nicht bewertbar – und damit befreiend! Die Klassen und ihre LehrerInnen waren begeistert! Manche waren traurig, wenn die Zeit nicht mehr reichte, um ein zweites Booklet zu gestalten, andere wollten wissen, wo man Kalligrafie-Workshops buchen kann.
Ein Sechstklässler hat mich gefragt, wie teuer so ein Workshop käme, weil er ihn seiner Mutter schenken und selber nochmals mitmachen möchte… Da geht einem das Herz auf – und es zeigt auch deutlich, wie groß das Interesse an handgemachter Schrift ist! Gerade ab ca. 12 Jahren fängt bei vielen Kindern und Jugendlichen die Auseinandersetzung mit der eigenen Schrift an. Wer bin ich, wie will ich mich zeigen und darstellen? Dazu gehört auch das Experimentieren
mit Schrift. Darum möchte ich die Schriftschaffenden aufrufen, sich gezielt auch mit diesen Altersklassen auseinander zu setzen. Sie sind offen für das Schreiben mit der Hand – egal, wie intensiv parallel dazu getippt wird! Und nicht nur die junge Generation: Der Mangel an Handschrift ruft auch in vielen Erwachsenen den Wunsch nach einem Ausgleich hervor. Ob es gleich Kalligrafie oder Handlettering sein muss, ist eine andere Frage…

Der Wert des Hand-Geschriebenen ist unbestritten und wird von vielen Stellen statistisch belegt, unter anderem vom Schreibmotorik Institut, Stabilo und diversen Universitäten. Die Verbindung von Hand und Gehirn, das haptische Erleben – all das aktiviert unsere Sinne und ruft emotionale Signale hervor. Diese wiederum erreichen den ganzen Menschen in uns, lassen uns das Geschriebene besser verdauen und merken. Wieder andere Stellen setzen sich mit eigenen Mitteln für das Handgeschriebene ein, wie die Zeitschrift „Handschrift“, die „Initiative Schreiben e.V.“ mit der „Langen Nacht des Schreibens“ etc.… Es gibt unzählige Beispiele dafür – man muss sie einfach nur nutzen…

Ein letztes persönliches Erlebnis möchte ich gerne noch mit Ihnen teilen. Eine kultur- und kunstinteressierte Besucherin beschwerte sich bei meinen Mitausstellerinnen, dass der größte Teil der Ausstellung „nur kommerzielle Werke“ beinhalte – viele Spruchbilder und keine wahre Kunst. Sie war richtiggehend entrüstet und wollte nach kurzer Zeit wieder gehen. Zufälligerweise bin
ich ihr vor der Halle begegnet und bekam ihre Enttäuschung mit. Da erzählte ich ihr von den vielen Laien-Ausstellern, für die diese Ausstellungsvorbereitung eine richtiggehende emotionale Berg- und Talfahrt war, und die mehr als einmal ihre Teilnahme rückgängig machen wollten aus der Angst heraus, nicht genug gut zu sein. Ich bemerkte auch, dass wir nie den Anspruch hatten, eine „Kunst“-Ausstellung zu machen, sondern uns mutig mit unserer Schrift zeigen und dafür werben wollen. In diesem Moment ging eine abrupte Veränderung durch diese Dame, aus der
es auf einmal herausbrach, „wie wahr das sei“ und die mir auf einmal gestand, dass sie schon seit 30 Jahren male, sich aber aus Angst vor Beurteilung nie getraut habe auszustellen, obschon sie schon oft darauf angesprochen worden sei. Wie passend doch der Spruch: „Das Perfekte ist der Feind des Guten.“

Das allein mitzuerleben war Geschenk genug! Die unzähligen Begegnungen und persönlichen Gespräche, das Zusammenwachsen von 21 total unterschiedlichen Ausstellern zu einem in ihrem Herzensanliegen geeinten Team, die vielen Impulse, die wir weitergeben konnten, das Erfahrbar-Machen von experimenteller Schrift – all das war einfach nur magisch! So einmalig, dass es zweimalig werden muss! Im April/Mai 2020 wird es eine Neuauflage dieser Gemeinschafts- und Mitmachausstellung DIE MAGIE DER SCHRIFT in Bochum geben. Ich freue mich darauf! Wer sich angesprochen fühlt mitzumachen und sich mit seiner Schrift intensiv zu befassen, der kann

sich gerne bei mir melden: screttenand@yahoo.com oder telefonisch: 0234-5899 205.

Mit dankbaren und schwungvoll
geschriebenen Grüßen,

Simone Rahn
Initiatorin & Koordinatorin der Ausstellung

 

Das Cafè Lettera war auch außerhalb der Öffnungszeiten bei Schulklassen gut besucht.

Beliebtester Ort der
Ausstellung: Der Experimentiertisch

Sich einmal in Stein zu
verewigen - diese Gelegenheit haben viele Besucher wahrgenommen.

Neun bis zu 7 m lange Schrift-Fahnen hingen in der Halle und spielten mit der Raumhöhe und dem Licht.

Auf der einen Seite eine "Klagemauer" auf der anderen die "Mauer des Glücks". Die Besucher mussten sich nicht auf den Klo-Türen verewigen.

Anja Kalina Feldmann mit ihrem
blauen Assistenten, AlbertFranz Ernst an der Vernissage: Wenn der Körper zur Leinwand für Schrift wird.

Regelmäßige stattfindende Vorführungen (hier: Simone Rahn mit einem Schriftzug von Karos)

Knapp 60 m Ausstellungswände
waren zu bestaunen.